Krankheitsbilder
  Angst hat viele Gesichter
Je früher Angst- und Zwangshandlungen behandelt werden, desto besser ist die Prognose.

Je früher Angst- und Zwangshandlungen behandelt werden, desto besser ist die Prognose.

Die einen meiden Menschenansammlungen, andere werden in engen Räumen von Panikattacken überwältigt oder haben panische Angst vor Keimen und Bakterien. Die Formen der Angststörungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Amerikaner Fredd Culbertson hat nicht weniger als 534 verschiedene Ängste zusammengetragen. Auch wenn man an der medizinischen Seriosität zweifeln mag, so verdeutlicht die Liste, dass es kaum Situationen, Lebewesen oder Gegenstände gibt, die nicht angstauslösend wirken können.

Die häufigste Angststörung ist die Agoraphobie. Der Name leitet sich vom griechischen Wort Agora für Marktplatz ab und symbolisiert die Angst vor Gegebenheiten in der Öffentlichkeit. Experten schätzen, dass rund 4 Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Etwa zwei Drittel sind Frauen. Andere Angstformen kommen dagegen bei Frauen und Männern gleich häufig vor. Supermärkte, U-Bahn-Stationen, Bahnfahrten, Flugreisen, Tunnel, Brücken, Aufzüge – da die Situationen und Orte sehr unterschiedlich sein können, übersetzt man Agoraphobie heute oftmals mit dem Begriff „multiple Situationsangst“. Die Situation, in der ein Betroffener einmal eine Angstattacke erlebt hat, wird fortan möglichst gemieden. Oftmals übertragen Betroffene ihre Angst vor der Angst auch auf andere Orte. Dies kann dazu führen, dass die Wohnung nur noch selten verlassen wird.

 

Eine verbreitete Form der Zwangserkrankung ist der Zwang sich die Hände zu waschen.

Eine verbreitete Form der Zwangserkrankung ist der Zwang sich die Hände zu waschen.

Eng verwandt mit den Angststörungen sind die Zwangserkrankungen. Letztendlich können Zwänge als der Versuch, seine Ängste durch rituelle Handlungen in den Griff zu bekommen und sich selbst zu beruhigen, gewertet werden. Zwangshandlungen können in verschiedenen Formen auftreten, zum Beispiel als Wasch-, Kontroll-, Sauberkeits-, Ordnungs- oder Sammelzwänge. Am häufigsten sind Waschzwänge. Betroffene haben panische Angst, sich beispielsweise durch das Anfassen einer Türklinke zu infizieren, wenn sie sich danach nicht gründlich waschen. Zum Waschzwang gesellen sich oft Elemente einer rituellen Handlung. Zum Beispiel fühlen sich Betroffene erst richtig sauber, wenn sie die Seife genau 20 mal in der Hand gedreht haben.

Bei Kontrollzwängen muss wiederholt nachgesehen werden, ob das Bügeleisen auch wirklich ausgeschaltet ist oder die Wohnungstür wirklich geschlossen wurde. Zwangshandlungen können sehr zeitraubend sein, von ein paar Minuten täglich bis hin zu mehreren Stunden. Dazu kommen häufig noch Depressionen und Schuldgefühle. Die Krankheit kann so schlimm werden, dass man weder beruflich noch privat ein normales Leben führen kann. Werden Zwangshandlungen einfach nur unterdrückt, können Angst- und Panikattacken die Folge sein.

 

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Autor: Dr. med. Volker Rust